Straßenkinderprojekt in Jimma
Semere[1] ist 18 Jahre alt und wohnt bei seiner Großmutter in der äthiopischen Großstadt Jimma. Neben seiner Arbeit in einer Schreinerei besucht er eine Schule, um seinen Schulabschluss nachzuholen. Dass Semere heute von seinem Verdienst lebt, zusätzlich seine Großmutter finanziell unterstützt und sogar ein wenig Geld zurücklegen kann, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Denn der 18Jährige wuchs als Waise auf, lebte längere Zeit auf der Straße, kämpfte dort mit gesundheitlichen Problemen, nahm Drogen und wurde Opfer von Gewalt. Die Aufnahme in das von kinder unserer welt unterstützte Straßenkinderprojekt SCYP (Street Children and Youth Project) öffnete ihm den Weg in ein neues Leben.
Semeres Heimatort Jimma, im Südwesten Äthiopiens gelegen, entwickelte sich innerhalb von 20 Jahren von einer Kleinstadt zu einer für die äthiopische Wirtschaft wichtigen Metropole und Universitätsstadt. Nach dem Einbruch der Kaffeepreise in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts zogen viele Familien aus dem Umland in die Stadt, getrieben von der oft trügerischen Hoffnung, sich dort ein besseres Leben aufbauen zu können. Sie errichteten Wellblechhütten und lebten von der Hand in den Mund. Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die auf oder von der Straße lebten, wuchs, denn immer häufiger waren Eltern nicht mehr in der Lage, ihre Kinder zu ernähren.
Seit Ende 2024 nun erhalten internationale Firmen den Auftrag, Jimma zu einem internationalen Geschäfts- und Tourismuszentrum umzubauen. Große Straßen zerschneiden gewachsene Strukturen, hochpreisige Hotels, Restaurants und Einkaufszentren säumen die Ausfahrtsstraße zum Flughafen. Rücksichtslos werden die mühsam gewachsenen Strukturen mit den Wellblechvierteln der ärmeren Bevölkerung zerstört. Zugleich kämpfen die Äthiopier gegen Inflation und Wirtschaftskrisen. In der Folge leben und arbeiten immer mehr Kinder und Jugendliche, darunter viele Mädchen, unter menschenunwürdigen Bedingungen auf der Straße.
Angesichts der großen Zahl schutzbedürftiger, unversorgter Kinder gründeten die äthiopische NGO Facilitator for Change (FC) und kinder unserer welt mit dem Street Children and Youth Project 2003 das erste und bislang einzige Straßenkinderprojekt in Jimma. FC, selbst aus einer ehrenamtlichen Organisation (CBO: Community Based Organisation) hervorgegangen, arbeitet mit lokalen Frauenselbsthilfegruppen und Nachbarschaftshilfen (Idirs) zusammen. Diese sind eng mit ihrem sozialen Umfeld verbunden, stellen ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und sammeln unermüdlich Spenden für das Straßenkinderprojekt.
Ziel des Projektes ist es, den Kindern und Jugendlichen eine dauerhafte Perspektive zu eröffnen. Angestrebt wird, dass sie ihren Schulabschluss nachholen und eine Ausbildung beginnen. Soweit möglich werden obdachlose Kinder zu ihren Familien zurückgeführt. Zugleich werden vorhandene lokale Institutionen und Organisationen zur Unterstützung der Straßenkinder gestärkt und erweitert.
Derzeit werden jährlich 75 Kinder und Jugendliche in das Projekt aufgenommen. Die für das Projekt ausgewählten Jungen und Mädchen durchlaufen nach einer medizinischen Voruntersuchung ein dreimonatiges Programm mit folgenden Schwerpunkten:
- Versorgung der obdachlosen Kinder und Jugendlichen mit Kleidung, Decken und Matratzen
- Unterbringung dieser Kinder und Jugendlichen bei Übergangsfamilien (home mothers) oder in einer Gruppenunterkunft (group homes)
- medizinische Versorgung und psychologische Beratung
- Life-skill-Training
- Beratung der Familien
- Kurzausbildung in den Bereichen Friseur und Beautysalon, Holzwerkstatt, Handarbeit, Umgang mit der Nähmaschine sowie Food Preparation.
- Startgeld für den Übergang in die Selbstständigkeit.
- Follow up: Begleitung und Nachbetreuung der Kinder und Jugendlichen in der ersten Phase ihrer Reintegration.
Dank der Unterstützung durch kuw kann Facilitator for Change Sozialarbeiter und Werkstattleiter einstellen, ehrenamtliche Mitarbeiter durch Fortbildungen schulen und begleiten, Werkstattgebäude und Sachmittel finanzieren und die Zusammenarbeit mit wichtigen Partnern vor Ort fördern.
Die regelmäßige Supervision des Projektes zeigt, dass diese Ziele in den letzten Jahren trotz aller Schwierigkeiten für einen Großteil der Projektteilnehmer erreicht wurden und werden.
Gerne würde Facilitator for Change mehr Kinder in das Projekt aufnehmen. Doch der durch die Modernisierungsmaßnahmen in Jimma erzwungene Umzug des Projektes – das alte Projektgebäude musste einem Parkplatz weichen - verursachte neue Kosten. Ein dem Projekt zur Verfügung gestelltes Gebäude wurde saniert, neue Werkstätten mussten eingerichtet werden. Gesucht wird derzeit nach einer weiblichen Sozialarbeiterin, die das Team von FC unterstützt, damit künftig mehr obdachlose Mädchen in das Projekt aufgenommen werden können.
Ohne das bewundernswert hohe Maß an ehrenamtlicher Arbeit hätte das Projekt keinen Bestand. So hoffen wir, dass die Spendengelder von kinder unserer welt das Projekt nicht nur materiell unterstützen, sondern auch dazu beitragen, dass die Mitarbeitenden weiterhin Mut und Kraft behalten, allen Widrigkeiten zum Trotz, obdachlosen Kindern und Jugendlichen einen Weg in die Zukunft zu eröffnen.
[1] der Name wurde geändert
